Heinrich Aldegrever

Der Namensgeber unserer Schule

War es richtig, dass sich 1950 die damalige Städtische Oberschule für Jungen nach Heinrich Aldegrever, dem Maler und Kupferstecher des 16. Jahrhunderts benannte? Hatten nicht für eine Jugend, die sich in der Nachkriegszeit erst wieder in einer neuen Wertewelt orientieren musste, andere Persönlichkeiten eher Vorbildcharakter besessen? Zum Beispiel ein Dietrich Bonhoeffer, Alfred Delp, die Geschwister Scholl und andere Figuren aus dem Widerstand gegen ein unmenschliches System oder ein Mann wie Albert Schweizer, der seine großen Fähigkeiten als Künstler und Wissenschaftler ganz in den Dienst der Menschlichkeit stellte? Die aufgeworfenen Fragen können hier nicht beantwortet werden, aber der Personenkreis, der sich 1950 für Heinrich Aldegrever als Namensträger eines der drei Soester Gymnasien entschied, wird wichtige Argumente für diese Wahl gehabt haben. Vielleicht wurden damals auch Gedanken geäußert, die den drei folgenden Argumentationsgruppen nahe standen.

Heinrich Aldegrever war ein Soester Künstler

So ganz stimmt diese Behauptung allerdings nicht, denn schließlich wurde er 1502 in Paderborn als Sohn eines Holzschuhmachers (Trippemeckers) geboren, und ist vielleicht auch dort zu einem Goldschmied in die Lehre gegangen. Die Stadt Soest, in der er das Bürgerrecht erhielt, ist seine Wahlheimat, in der seine im Format kleinen, aber in der künstlerischen Ausdruckskraft großen Kunstwerke entstanden und in der er nach 1555 starb. Vielleicht gereicht es Soest eher zur Ehre, dass neben Aldegrever im 16. Jahrhundert auch in neuerer Zeit nicht in dieser Stadt gebürtige Künstler, wie Christian Rohlfs (1849–1938), Karl Schmidt-Rottluff (1884–1976) und Emil Nolde (1867–1976), hier die besten Voraussetzungen für ihr künstlerisches Schaffen fanden. Wenn 1950 die Entscheidung für Aldegrever als Namensträger für ein Soester Gymnasium gefallen ist, so wollte man sicherlich damit einen größeren Kreis mit dem Namen und den Werken des Soester Kupferstechers bekannt machen, denn das Soester Gymnasium ist wohl die einzige Schule Deutschlands, die sich nach dem Maler und Kupferstecher Aldegrever benannt hat.

Heinrich Aldegrever war ein großer Künstler

Vielen Soestern ist er vor allem durch die Flügel des Marienaltars der Wiesenkirche bekannt. Dieses 1526/27 entstandene Werk sollte das einzige von ihm gemalte Altarbild bleiben. Viele protestantische Gemeinden standen im Zeitalter der Reformation Altarbildern sehr reserviert gegenüber, und auch Martin Luther soll in einer Predigt gesagt haben, dass man mit Bildern Gott keinen Dienst tut. Aldegrever hatte sich wohl schon in den 20er Jahren einer Soester Gruppe angeschlossen, die die Lehren Luthers diskutierte, und er bekannte sich später offen zur protestantischen Lehre. So hatte er als Maler von Altarbildern keine hoffnungsvolle Zukunft. Er verlegte sich ganz auf die Schaffung von kleinformatigen Kupferstichen, und in dieser Technik hat er sicherlich eine bewundernswerte Perfektion erreicht. Moderne Kunsthistoriker scheinen sich nicht ganz einig zu sein, in welchen Werken Aldegrever seinen künstlerischen Höhepunkt erreichte, ob in seiner ersten Schaffensperiode (1527–1541) mit den Kupferstichfolgen aus der Antike und dem Alten Testament oder mit den letzen neutestamentarischen Serien seiner zweiten Schaffensperiode (1549–1555), wie z. B. den Kupferstichfolgen »Der barmherzige Samariter« und »Der reiche Prasser und der arme Lazarus« (beide 1554).

Die Persönlichkeit Heinrich Aldegrevers

Leider wissen wir über seinen Lebensweg zu wenig, um seine ganze Persönlichkeit würdigen zu können. Aldegrever war ein Kind seiner Zeit. Die großen religiösen, wissenschaftlichen und künstlerischen Strömungen seines Zeitalters, die Reformation, der Humanismus und die Renaissance, haben ihn voll ergriffen. Als Protestant und Bürger einer überwiegend protestantischen Stadt konnten seine Bilder nicht mehr wie in mittelalterlichen Zeiten vorwiegend einen devotionalen Zweck haben. Die meisten seiner Kupferstichfolgen erzählen dann auch eher Geschichten, als dass sie zu einer frommen Betrachtung oder zum Gebet anregen. Hiermit steht auch in Verbindung, dass er, zumindest in seiner ersten Schaffensperiode, viel eher ansprechende Stoffe im Alten als im Neuen Testament fand. Wie andere Renaissance-Künstler suchte sich Aldegrever auch sehr gerne seine Themen in der griechischen oder römischen Antike, gaben ihm diese Motive doch auch die Möglichkeit, unbekleidete oder wenig bekleidete Menschen darzustellen. Der Mensch in seiner Körperlichkeit schien ihn, ebenso wie anderen seiner großen Zeitgenossen, fasziniert zu haben. In diesem Sinne war er ganz Humanist, d. h. auf den Menschen ausgerichtet. Heute gebrauchen wir Ableitungen von dem lateinischen Wort homo (Mensch), wie z. B. in dem Adjektiv human, meistens, um eine mitmenschliche, soziale Beziehung auszudrücken. Ein soziales Engagement Aldegrevers, ein Nachdenken über den Gegensatz von reich und arm und ein Mitgefühl für Menschen in einer Notlage drückt sich in seinen Spätwerken vom »barmherzigen Samariter« und dem »reichen Prasser und armen Lazarus« aus.

Heinrich Aldegrever heute

Vielleicht können diese Kupferstichfolgen auch heute noch über ihre künstlerische Aussage hinaus bei aufgeschlossenen Jugendlichen ihr Verantwortungsbewusstsein für bedürftige Mitmenschen ansprechen. Für Aldegrever mögen diese Arbeiten mit ihren sozialen Komponenten auch mit persönlichen Motivationen verbunden sein. Er hatte den Höhepunkt seines Ruhmes überschritten, er war »aus der Mode gekommen«, die Auftragslage war möglicherweise nicht mehr sehr günstig, denn von 1542–1548 entstanden gar keine Bilder mehr in seiner Werkstatt. Nach seinem Tode erhielt sein Grab erst Jahre später einen Grabstein. Heute wissen wir nicht einmal genau, wo auf dem Petrikirchhof er begraben war. Sein Name lebt aber nicht nur in den fast 300 signierten Kupferstichen, sondern auch in den Benennungen von Straßen, Einrichtungen, Gesellschaften und eben auch des Aldegrever-Gymnasiums weiter.

Dr. Franz Kröger


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